Word cloud recreated based on Mentimeter poll results asking “Where does your visual inspection process lose the most efficiency” at PDA Visual Inspection Forum

Insights vom PDA Visual Inspection Forum: Warum Datenharmonisierung die eigentliche Herausforderung ist

Auto­ma­ti­sier­te visu­el­le Inspek­ti­ons­sys­te­me erzeu­gen enor­me Daten­men­gen – doch die meis­ten Phar­ma­her­stel­ler tun sich schwer damit, die­se Daten in ver­wert­ba­re Qua­li­täts­in­tel­li­genz zu ver­wan­deln. Wor­an es in der Bran­che hakt und wie der Weg nach vorn aus­sieht.

Die auto­ma­ti­sier­te visu­el­le Inspek­ti­on (AVI) ist zu einem Grund­pfei­ler der phar­ma­zeu­ti­schen Qua­li­täts­kon­trol­le gewor­den. Kame­ra­ba­sier­te Sys­te­me prü­fen Phio­len, Sprit­zen und Ampul­len mit hoher Geschwin­dig­keit und erken­nen Par­ti­kel, Ris­se und kos­me­ti­sche Defek­te mit einer Kon­stanz, die eine manu­el­le Inspek­ti­on nicht errei­chen kann. Die Tech­no­lo­gie funk­tio­niert. Die Her­aus­for­de­rung ist, was danach kommt.

Der Besuch des jüngs­ten PDA Visu­al Inspec­tion Forums in Dub­lin hat deut­lich gemacht: Dies sind kei­ne Ein­zel­fäl­le, son­dern bran­chen­wei­te Mus­ter, mit denen jeder Her­stel­ler ringt.

Jede Inspek­ti­on erzeugt Daten: Bil­der, Defekt­klas­si­fi­zie­run­gen, Aus­schuss­ent­schei­dun­gen, Pro­zess­pa­ra­me­ter. Doch in den meis­ten Wer­ken blei­ben die­se Daten weit­ge­hend unge­nutzt. Gut/­Schlecht-Ent­schei­dun­gen wer­den getrof­fen, aus­ge­schleus­te Ein­hei­ten ver­wor­fen oder nach­kon­trol­liert – und die zugrun­de lie­gen­den Mus­ter, die eine kon­ti­nu­ier­li­che Ver­bes­se­rung ermög­li­chen könn­ten, blei­ben unsicht­bar. In der Lücke zwi­schen Daten­er­zeu­gung und Daten­har­mo­ni­sie­rung liegt die eigent­li­che Chan­ce und die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung.

Das Problem der Fehlausschüsse: Symptom tiefer liegender Probleme

Einer der sicht­bars­ten Schmerz­punk­te der AVI ist die Fehl­aus­schuss­ra­te (Fal­se Reject Rate). Beim PDA Visu­al Inspec­tion Forum wur­den die Teil­neh­men­den gebe­ten, die wich­tigs­ten Ursa­chen für Effi­zi­enz­ver­lus­te in der visu­el­len Inspek­ti­on zu prio­ri­sie­ren. Das Ergeb­nis war ein­deu­tig: Aus­schuss und Aus­beu­te­ver­lus­te durch Fehl­aus­schüs­se stan­den an ers­ter Stel­le – noch vor Lini­en­st­opps, Abwei­chungs­un­ter­su­chun­gen, Nach­in­spek­tio­nen und Anla­gen­still­stän­den.

Insights vom PDA Visual Inspection Forum: Warum Datenharmonisierung die eigentliche Herausforderung ist
Umfra­ge­er­geb­nis­se vom PDA Visu­al Inspec­tion Forum in Dub­lin: Fehl­aus­schüs­se sind der wich­tigs­te Trei­ber für Effi­zi­enz­ver­lus­te

Auf hohe Emp­find­lich­keit aus­ge­leg­te Sys­te­me erken­nen mehr Defek­te, stu­fen aber auch ein­wand­freie Ein­hei­ten als Aus­schuss ein. Die Fol­gen: ver­nich­te­te Pro­duk­te, mehr Auf­wand bei der manu­el­len Nach­kon­trol­le und Frust beim Bedien­per­so­nal. Steigt die Fehl­aus­schuss­ra­te sprung­haft an, fällt die Reak­ti­on typi­scher­wei­se reak­tiv aus: Mus­ter zie­hen, Bil­der manu­ell sich­ten und ver­su­chen her­aus­zu­fin­den, was sich ver­än­dert hat. Tat­säch­lich ant­wor­te­te die Hälf­te der Forums­teil­neh­men­den auf die Fra­ge, was ihr ers­ter Schritt bei einer Ver­dopp­lung der Fehl­aus­schuss­ra­te wäre, sie wür­den Mus­ter zie­hen und prü­fen, was sich geän­dert hat. Die­ser Ansatz behan­delt das Sym­ptom, nicht die Ursa­che.

Das eigent­li­che Pro­blem: Regel­ba­sier­te Sys­te­me kön­nen nur erken­nen, wor­auf sie expli­zit pro­gram­miert wur­den. Ver­än­dern sich die Pro­zess­be­din­gun­gen (z. B. neue Pack­mit­tel, Rezep­tur­än­de­run­gen, Beleuch­tungs­schwan­kun­gen), kann das Sys­tem nicht auf akzep­ta­ble Varia­ti­on gene­ra­li­sie­ren. Es wen­det wei­ter­hin die­sel­ben star­ren Schwel­len­wer­te an, die Pro­dukt­va­ria­ti­on nicht von ech­ten Defek­ten unter­schei­den kön­nen und pro­du­ziert Fehl­aus­schüs­se in einem Aus­maß, das mit der Pro­zess­va­ria­bi­li­tät wächst.

Das Fehl­aus­schuss­pro­blem ist im Kern ein Daten­pro­blem. Ohne struk­tu­rier­te Inspek­ti­ons­da­ten kön­nen Qua­li­täts­teams nicht zwi­schen sys­te­ma­ti­schen Pro­ble­men und zufäl­li­ger Streu­ung unter­schei­den. Die Ursa­chen­ana­ly­se wird zum Rate­spiel.

Womit die Branche kämpft: Typische Herausforderungen in der Pharmaproduktion

In der gesam­ten Phar­ma­pro­duk­ti­on zei­gen sich die­sel­ben Mus­ter. Unter­neh­men inves­tie­ren in AVI-Sys­te­me, erzie­len anfäng­li­che Ver­bes­se­run­gen bei Durch­satz und Kon­stanz und sto­ßen dann an eine Gren­ze. Die Tech­no­lo­gie ist vor­han­den, doch ohne sys­te­ma­ti­sche Daten­har­mo­ni­sie­rung blei­ben die enor­men Men­gen an erzeug­ten Infor­ma­tio­nen in Silos gefan­gen, und die Pro­zes­se las­sen sich nicht kon­ti­nu­ier­lich ver­bes­sern.

Als die Forums­teil­neh­men­den gefragt wur­den, wo ihre Orga­ni­sa­tio­nen heu­te den größ­ten Schmerz ver­spü­ren, zeich­ne­ten die Ant­wor­ten ein kla­res Bild des Sta­tus quo: AVI-Vali­die­rung und regu­la­to­ri­sche Aus­rich­tung (23 %), kom­ple­xe Daten­auf­be­rei­tung und Abwei­chungs­un­ter­su­chun­gen (je 23 %), Par­ti­kel­un­ter­su­chun­gen (28 %) sowie hohe Fehl­aus­schuss­ra­ten (15 %) wur­den alle­samt als erheb­li­che Schmerz­punk­te genannt. Bemer­kens­wert: Die Prü­fer­va­ria­bi­li­tät, eine Her­aus­for­de­rung, die AVI eigent­lich lösen soll­te, macht noch immer 11 % der aktu­el­len Sor­gen aus.

Poll results showing distribution of current pain points across validation, data complexity, false rejects, and investigations
Umfra­ge­er­geb­nis­se zu momen­ta­nen Pain Points

Her­aus­for­de­rung 1: Inspek­ti­ons­da­ten blei­ben von der Qua­li­täts­in­tel­li­genz abge­kop­pelt
AVI-Sys­te­me lie­fern Gut/­Schlecht-Signa­le, doch die­se Daten flie­ßen sel­ten in über­ge­ord­ne­te Qua­li­täts­ma­nage­ment­sys­te­me ein. Wenn Sys­te­me Ein­hei­ten zur Nach­kon­trol­le mar­kie­ren, tref­fen Bedie­ner Ent­schei­dun­gen – doch Ergeb­nis­se wie bestä­tig­te Defek­te, Fehl­alar­me und Grenz­fäl­le wer­den nicht sys­te­ma­tisch erfasst oder aus­ge­wer­tet. Defekt­trends wer­den nicht mit vor­ge­la­ger­ten Pro­zess­pa­ra­me­tern kor­re­liert. Die­sel­ben mehr­deu­ti­gen Defekt­ty­pen tau­chen immer wie­der auf, und das Sys­tem lernt nicht dazu. 

Her­aus­for­de­rung 2: Regu­la­to­ri­sche Rah­men­wer­ke ent­wi­ckeln sich schnel­ler als die inter­nen Fähig­kei­ten
Der Ent­wurf des EU-GMP-Anhangs 22 signa­li­siert einen Wan­del hin zu einem stär­ker struk­tu­rier­ten Ein­satz von KI und daten­ge­trie­be­nen Qua­li­täts­sys­te­men. Die regu­la­to­ri­schen Erwar­tun­gen stei­gen, doch vie­len Orga­ni­sa­tio­nen fehlt die Daten­in­fra­struk­tur, um sie zu erfül­len. Com­pli­ance wird so zur Hür­de statt zum Trei­ber von Ver­bes­se­rung.

Her­aus­for­de­rung 3: KI-Ein­füh­rung ohne Daten­rei­fe schei­tert
Das Inter­es­se an KI-gestütz­ter Inspek­ti­on wächst, doch KI-Model­le auf frag­men­tier­ten, inkon­sis­ten­ten Daten auf­zu­set­zen, funk­tio­niert nicht. Maschi­nel­les Ler­nen erfor­dert har­mo­ni­sier­te, sau­be­re und his­to­risch kon­sis­ten­te Daten­sät­ze. Ohne die­ses Fun­da­ment der Daten­har­mo­ni­sie­rung blei­ben KI-Pro­jek­te in der Pro­of-of-Con­cept-Pha­se ste­cken und errei­chen nie den Pro­duk­tiv­be­trieb.

Der Weg nach vorn: Von der Datenerzeugung zur Datenharmonisierung

Die Lösung für den AVI-Eng­pass besteht nicht ein­fach dar­in, mehr Bil­der zu erfas­sen oder schnel­le­re Maschi­nen zu kau­fen. Sie besteht dar­in, die Daten­in­fra­struk­tur auf­zu­bau­en, die nötig ist, um ver­streu­te Inspek­ti­ons­er­geb­nis­se in einen ein­heit­li­chen Strom von Qua­li­täts­in­tel­li­genz zu ver­wan­deln. Der Bran­chen­kon­sens über die­se lang­fris­ti­ge Rich­tung ist bemer­kens­wert ein­hel­lig. Als die Teil­neh­men­den des PDA-Forums gebe­ten wur­den, die wich­tigs­te für 2030 benö­tig­te Fähig­keit zu benen­nen, war die domi­nie­ren­de Ant­wort in der Wort­wol­ke unmiss­ver­ständ­lich: Har­mo­ni­sie­rung.

Insights vom PDA Visual Inspection Forum: Warum Datenharmonisierung die eigentliche Herausforderung ist
Word Cloud vom PDA Visu­al Inspec­tion Forum zu zen­tra­len Prio­ri­tä­ten für 2030.

Unse­rer Erfah­rung nach ist ech­te Har­mo­ni­sie­rung die ent­schei­den­de Brü­cke zwi­schen rei­ner Daten­er­fas­sung und ska­lier­ba­rer KI-Fähig­keit. Sie bedeu­tet, sich von iso­lier­ten, maschi­nen­spe­zi­fi­schen Daten­ban­ken zu ver­ab­schie­den – hin zu einem inte­grier­ten Qua­li­täts­öko­sys­tem, in dem Daten, mensch­li­che Exper­ti­se und Auto­ma­ti­sie­rung im Gleich­klang arbei­ten. Für den Ein­stieg in die­sen Wan­del emp­feh­len wir, sich auf vier ent­schei­den­de Dimen­sio­nen zu kon­zen­trie­ren:

  • Daten­sche­ma­ta sys­tem­über­grei­fend stan­dar­di­sie­ren: Jede Inspek­ti­ons­ent­schei­dung, ein­schließ­lich der Bil­der, Meta­da­ten und fina­len Klas­si­fi­zie­run­gen aus manu­el­len Nach­kon­trol­len, muss in einem ein­heit­li­chen For­mat erfasst wer­den. Nur so wer­den his­to­ri­sche Daten abfrag­bar und für ein künf­ti­ges Modell­trai­ning nutz­bar.
  • Mensch­li­che Ent­schei­dun­gen mit der Auto­ma­ti­sie­rung ver­zah­nen: Har­mo­ni­sie­rung bedeu­tet, die Ergeb­nis­se mensch­li­cher Nach­kon­trol­len direkt an die AVI-Algo­rith­men zurück­zu­spie­len. Wenn ein Bedie­ner eine mehr­deu­ti­ge Ein­heit prüft und einen Fehl­aus­schuss revi­diert, muss die­ses Feed­back so struk­tu­riert vor­lie­gen, dass die Machi­ne-Lear­ning-Model­le im Lau­fe der Zeit dar­aus ler­nen kön­nen.
  • Vor- und nach­ge­la­ger­te Qua­li­täts­si­gna­le ver­knüp­fen: Die visu­el­le Inspek­ti­on soll­te nicht im luft­lee­ren Raum statt­fin­den. Wer­den visu­el­le Defekt­mus­ter mit vor­ge­la­ger­ten Pro­zess­va­ria­blen har­mo­ni­siert (etwa Roh­stoff­char­gen, Drü­cken an der Abfüll­li­nie oder Rezep­tur­be­din­gun­gen), wird das AVI-Sys­tem vom pas­si­ven Tor­wäch­ter zum pro­ak­ti­ven Werk­zeug der Pro­zess­dia­gno­se.
  • Den für KI erfor­der­li­chen Vali­die­rungs­nach­weis auf­bau­en: Regu­la­to­ri­sche Leit­li­ni­en wie der Ent­wurf des Anhangs 22 erwar­ten doku­men­tier­te, reprä­sen­ta­ti­ve und rück­ver­folg­ba­re Daten­sät­ze. Har­mo­ni­sier­te Daten­ar­chi­tek­tu­ren lie­fern die sau­be­re, vali­dier­te Daten­her­kunft, die Machi­ne-Lear­ning-Model­le audit­fä­hig macht und einen pro­duk­ti­ven Ein­satz unter GxP-Bedin­gun­gen ermög­licht.

Was das für Qualitätsverantwortliche bedeutet

Das phar­ma­zeu­ti­sche Qua­li­täts­ma­nage­ment wan­delt sich von reak­ti­ver Veri­fi­ka­ti­on zu pro­ak­ti­ver Pro­zess­in­tel­li­genz. Die visu­el­le Inspek­ti­on ist Teil die­ses Wan­dels, aber nur, wenn die von ihr erzeug­ten Daten auch genutzt wer­den.

Füh­rend wer­den in die­sem Feld nicht zwangs­läu­fig die Unter­neh­men mit den moderns­ten Kame­ras oder den schnells­ten Lini­en sein, son­dern die­je­ni­gen, die Inspek­ti­ons­da­ten als stra­te­gi­sches Asset begrei­fen, die Infra­struk­tur für deren Manage­ment auf­bau­en und sie für die kon­ti­nu­ier­li­che Ver­bes­se­rung nut­zen.

Die Tech­no­lo­gie ist bereit. Die Fra­ge ist, ob die Qua­li­täts­sys­te­me bereit sind, sich mit ihr wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

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