Optimierte Maschinensteuerung mit Machine Learning

Überblick

In der Halb­lei­ter­pro­duk­ti­on ist die Opti­mie­rung der Pro­zess­schrit­te ein unver­zicht­ba­rer Bestand­teil, um die Wett­be­werbs­fä­hig­keit zu erhal­ten und zu ver­bes­sern.

Die­ser Arti­kel gibt einen Über­blick über ein erfolg­rei­ches Data-Science-Pro­jekt, das zu einem bes­se­ren Pro­zess­ver­ständ­nis, einer opti­mier­ten Maschi­nen­steue­rung und Ansatz­punk­ten zur auto­ma­ti­sier­ten Pro­zess­steue­rung führt.

Ziel

Zur Errei­chung bestimm­ter Tran­sis­tor­ei­gen­schaf­ten ist die Dif­fu­si­ons­zeit im Ofen wäh­rend des Fer­ti­gungs­pro­zes­ses ein wesent­li­cher Para­me­ter. Durch die Nut­zung bes­se­rer Pro­gno­se­ver­fah­ren soll die opti­ma­le Dif­fu­si­ons­zeit prä­zi­ser bestimmt wer­den. Damit ver­bes­sert sich die Qua­li­tät des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses.

Ausgangspunkt

Eine soli­de Daten­ba­sis von Mess­wer­ten aus dem Pro­duk­ti­ons­pro­zess bestehend aus 40.000 Zei­len und 200 Spal­ten. Die Steue­rung erfolgt bis­her auf Basis von Erfah­rungs­wer­ten und der Aus­wer­tung his­to­ri­scher Daten durch Regres­si­ons­mo­del­le, die den Zusam­men­hang zwi­schen Dif­fu­si­ons­zeit und Ziel­wert für eine Hand­voll Sub-Grup­pen (gebil­det auf einem ein­zel­nen Pro­zess­pa­ra­me­ter) abbil­den.

Chancen

Eine gro­ße Daten­men­ge und der bis­her grund­le­gen­de, aber nicht ver­tief­te Ein­satz von Regres­si­ons­me­tho­den bie­tet eine hohe Chan­ce auf Erfolg in einem Data-Science-Pro­jekt:

  • Inte­gra­ti­on von bis­her unge­nutz­ten Pro­zess­pa­ra­me­tern
  • Ver­wen­dung von mehr Mess­wer­ten durch eine ver­fei­ner­te Daten­auf­be­rei­tung und Berei­ni­gung
  • Nut­zung kom­ple­xe­rer Modell-Typen (Machi­ne Lear­ning / Data Mining)
  • Bes­se­rer Zugang für die Fach­per­so­nen durch Erstel­lung eines Simu­la­tors, der nach Ein­ga­be der Pro­zess­de­tails Vor­schlä­ge zur opti­ma­len Dif­fu­si­ons­zeit macht

Umgebung

Die Nut­zung einer stan­dar­di­sier­ten Data-Science-Umge­bung ermög­licht den betei­lig­ten Fach­per­so­nen aus dem Team des Unter­neh­mens:

  1. Die ana­ly­ti­schen Schrit­te zu ver­ste­hen und mit ihrem Fach­wis­sen zu vali­die­ren
  2. Eige­ne Modi­fi­ka­tio­nen und Expe­ri­men­te durch­füh­ren zu kön­nen
  3. Neu anfal­len­de Pro­zess­da­ten (z.B. nach erfolg­rei­chem Pro­jekt) in den ana­ly­ti­schen Pro­zess zu inte­grie­ren
  4. Eigen­stän­dig neue Pro­blem­stel­lun­gen mit die­sem Pro­zess als Vor­la­ge lösen zu kön­nen

Wel­che Schrit­te sind not­wen­dig?

1 - Team-Enablement

Durch einen Pro­jekt-Ein­stieg mit einem Trai­ning in einer ana­ly­ti­schen Soft­ware­platt­form wird es für die betei­lig­ten Fach­per­so­nen wesent­lich ein­fa­cher, die ana­ly­ti­schen Schrit­te zu ver­ste­hen, und ermög­licht es dem Team, aktiv an der Ana­ly­se und Auto­ma­ti­sie­rung mit­zu­wir­ken und am Ende voll­stän­dig die Kon­trol­le über die Pro­zes­se zu über­neh­men.

Die Ver­wen­dung einer ana­ly­ti­schen Stan­dard­soft­ware bie­tet dabei vie­le Vor­tei­le wie z.B. NoCode/­Low­Code-Para­dig­ma, Doku­men­ta­ti­on, Trai­nings­ma­te­ria­li­en, Inte­gra­tio­nen, stan­dar­di­sier­te Kon­nek­to­ren, gerin­ge­re Belas­tung der IT-Abtei­lung etc.

2 - Analyse des bestehenden Vorgehens

Der bestehen­de ana­ly­ti­sche Pro­zess wird nach­ge­bil­det, um spä­ter eine Ver­gleichs­mög­lich­keit (mit dem zu erstel­len­den Pro­zess) zu erhal­ten und um die Güte bzw. Ver­gleich­bar­keit der Daten­ba­sis zu gewähr­leis­ten.

3 - Bessere Datenaggregation

Die Daten­ba­sis, ursprüng­lich auf Wafer-Niveau, muss auf Los-Niveau agg­re­giert wer­den. Dabei wer­den die Daten ver­dich­tet. Für metri­sche Mess­grö­ßen kann dabei (in die­sem Pro­jekt) der arith­me­ti­sche Mit­tel­wert ver­wen­det wer­den. Kate­go­ria­le Grö­ßen müs­sen expli­zit behan­delt wer­den.

4 - Datenaufbereitung

In einem ana­ly­ti­schen Pro­jekt kom­men in jeder Pro­jekt­pha­se neue Pro­ble­me in den Daten ans Licht. Des­we­gen kehrt man oft zur Aggre­ga­ti­on, Daten­auf­be­rei­tung und Fea­ture Sel­ec­tion zurück, um die­se Schrit­te zu pfle­gen und zu ergän­zen. Häu­fig ist dabei der Dis­kurs mit den Fach­per­so­nen des Kun­den hilf­reich, weil sich eini­ge Phä­no­me­ne nur aus dem Kon­text der Pro­duk­ti­on und nicht aus den Daten selbst erklä­ren las­sen.

Typi­sche Berei­ni­gungs­schrit­te sind die Ent­fer­nung von ein­zel­nen Aus­rei­ßern oder auch die Ent­fer­nung von gan­zen Losen, die – wie sich bspw. her­aus­stell­te – nur zu Test­zwe­cken pro­du­ziert wur­den.

5 - Feature Selection

Eine Pro­jekt-Annah­me ist, dass es wei­te­re Infor­ma­tio­nen zu den Pro­duk­ti­ons-Losen gibt, die im ursprüng­li­chen ana­ly­ti­schen Pro­zess nicht her­an­ge­zo­gen wur­den. Dabei könn­te es sich um che­mi­sche, phy­si­ka­li­sche oder pro­duk­ti­ons­ab­lauf-bezo­ge­ne Eigen­schaf­ten der Lose han­deln.

Mit­tels Fea­ture-Sel­ec­tion-Ver­fah­ren kön­nen vie­le unge­nutz­te Eigen­schaf­ten auf Eig­nung geprüft wer­den. Dabei ent­steht eine Lis­te von Eigen­schaf­ten, die mit Fach­per­so­nen dis­ku­tiert wer­den soll­te und deren ver­blei­ben­de Kan­di­da­ten dann in die Model­le inte­griert wer­den kön­nen. Die Ergeb­nis­se wer­den anschlie­ßend Teil des Daten­auf­be­rei­tungs­pro­zes­ses und dann in den Model­len ver­ar­bei­tet.

6 - Modell-Auswahl und Vergleich

Kom­ple­xe­re Modell­ty­pen sind in der Lage, aus den Daten prä­zi­se­re Schlüs­se zu zie­hen. Dabei ist Vor­aus­set­zung, dass sich die Model­le wei­ter­hin zur Inter­pre­ta­ti­on eig­nen und genü­gend trans­pa­rent sind, so dass die betei­lig­ten Fach­per­so­nen die Model­le vali­die­ren kön­nen. Bei der Fra­ge­stel­lung han­delt es sich um ein Regres­si­ons­pro­blem (Vor­her­sa­ge einer nume­ri­schen Grö­ße). Berück­sich­tigt man die­se Vor­aus­set­zun­gen, kann man eine Vor­auswahl der sinn­volls­ten Ver­fah­rens­kan­di­da­ten erstel­len.

Regressions-Modelle

Regres­si­ons­ver­fah­ren sind ein Klas­si­ker unter den Pro­gno­se­ver­fah­ren. In die­sem Pro­zess sind sie schon eta­bliert. Als Erwei­te­rung wur­den Gene­ra­li­zed Line­ar/­Non-Line­ar Models (auch Ver­all­ge­mei­ner­te line­a­re/­nicht-linea­re Model­le; bzw. GLZ) mit logis­ti­scher Trans­for­ma­ti­ons­funk­ti­on aus­ge­wählt. Das Ver­fah­ren kann dank eines schritt­wei­sen Modell­auf­baus vie­le Ein­fluss­grö­ßen prü­fen und bei Bedarf nut­zen.

Ent­schei­dungs­baum (CART)

Ent­schei­dungs­bäu­me ver­bin­den hohe Robust­heit mit hoher Rechen­ge­schwin­dig­keit und Inter­pre­tier­bar­keit, sind dabei aber kein star­kes Pro­gno­se­mo­dell. Sie die­nen haupt­säch­lich der Eta­blie­rung einer Base­line (für die mini­mal zu erwar­ten­de Pro­gno­se­gü­te) und sind sehr gut zur Detek­ti­on und Dia­gno­se von Daten­pro­ble­men ein­setz­bar. Zusätz­lich bie­ten sie eine ein­ge­bau­te Fea­ture Sel­ec­tion, die sich gut im Tan­dem mit der vor­ge­la­ger­ten Fea­ture Sel­ec­tion nut­zen lässt (mehr Erkennt­nis­se kön­nen nie scha­den).

Mul­ti­va­ria­te Adap­ti­ve Regres­si­on Spli­nes (MARS)

Die­ses Ver­fah­ren ver­bin­det Aspek­te des Ent­schei­dungs­bau­mes wie schritt­wei­sen Modell­auf­bau und Erfas­sung nicht-linea­rer Zusam­men­hän­ge mit güns­ti­gen Eigen­schaf­ten eines Regres­si­ons­mo­dells wie hoher Pro­gno­se­gü­te (bei der Pro­gno­se von nume­ri­schen Wer­ten) und guter Inter­pre­tier­bar­keit.

Sto­cha­stic Gra­di­ent Boos­ting mit Trees (Boos­ted Trees)

Modell-Boos­ting in Ver­bin­dung mit Ent­schei­dungs­bäu­men ist hin­sicht­lich Pro­gno­se­gü­te eines der stärks­ten Pro­gno­se­ver­fah­ren aus dem Machi­ne Lear­ning. Aller­dings ist es schlecht zu inter­pre­tie­ren und braucht gro­ße Men­gen an Daten. Ins­be­son­de­re der gro­ße Daten­be­darf hat zur Fol­ge, dass teil­wei­se Zusam­men­hän­ge nicht hin­rei­chend model­liert wer­den kön­nen.

Sampling-Strategie

Alle Ver­fah­ren wer­den mit dem­sel­ben Trai­ning-Sam­ple trai­niert und auf dem­sel­ben Test­ing-Sam­ple getes­tet. Dabei wer­den die Daten so in Trai­ning und Test auf­ge­teilt, dass alle Aus­prä­gun­gen der Ziel­grö­ße gleich­mä­ßig in Trai­nings- und Test­men­ge reprä­sen­tiert sind.

Testergebnisse

Im Ver­gleich der Model­le via mitt­le­rer abso­lu­ter Abwei­chung zeigt sich, dass die Regres­si­ons­ver­fah­ren GLZ und MARS den ande­ren Ver­fah­ren über­le­gen sind. Dies ist ver­mut­lich auf das etwas daten­s­pa­ren­de­re Vor­ge­hen und die Regres­si­ons-Fra­ge­stel­lung (Pro­gno­se nume­ri­scher Wer­te) zurück­zu­füh­ren. Ins­ge­samt schlägt GLZ alle ande­ren Ver­fah­ren deut­lich (in die­sem Expe­ri­ment), wenn man Test- und Trai­nings­feh­ler zusam­men betrach­tet.

Dass GLZ hier alle ande­ren Ver­fah­ren abhängt, ist kein Nach­teil, da das Ver­fah­ren wei­te­re Vor­tei­le mit­bringt. Hier ins­be­son­de­re: ein­fa­che Inter­pre­ta­ti­on und ein­fa­ches Deploy­ment (Bereit­stel­lung).

Prozesssimulation

Um die Model­le und ins­be­son­de­re das Sie­ger-Modell wei­ter zu vali­die­ren, wird das fer­tig trai­nier­te Modell in einen Simu­la­tor inte­griert. In die­sem kön­nen die bekann­ten Eck­da­ten des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses ange­ge­ben wer­den und die Modell­er­geb­nis­se (pro­gnos­ti­zier­te Ziel­grö­ße) in Rela­ti­on zur Dif­fu­si­ons­zeit geprüft wer­den.

Nach erfolg­rei­cher Vali­die­rung durch die Fach­per­so­nen steht der Simu­la­tor dem gesam­ten Team zur Ver­fü­gung, um wei­te­re Erkennt­nis­se über den Pro­zess zu gewin­nen. So kön­nen für defi­nier­te Pro­duk­ti­ons­sze­na­ri­en der Ein­fluss bestimm­ter Para­me­ter auf die not­wen­di­ge Dif­fu­si­ons­zeit unter­sucht wer­den.

Hat man sich auf ein bestimm­tes Sze­na­rio fest­ge­legt, so errech­net der Simu­la­tor auf Basis der Modell­pro­gno­sen auto­ma­tisch die erwar­te­te opti­ma­le Dif­fu­si­ons­zeit, mit der der Ofen kon­fi­gu­riert wer­den kann.

Mit die­sem Schritt kann das Pro­jekt abge­schlos­sen sein, indem ab jetzt der Simu­la­tor genutzt wird, um den Pro­duk­ti­ons­pro­zess bes­ser zu ver­ste­hen und steu­ern zu kön­nen.

Deployment (Bereitstellung)

Nach erfolg­rei­chem Test und Vali­die­rung im Simu­la­tor kann ein Modell auch direkt in die Betriebs­ab­läu­fe ein­ge­bun­den wer­den. Im Fal­le eines Regres­si­ons­ver­fah­rens ist dies beson­ders fle­xi­bel:

  • Das Modell kann in ande­ren Werk­zeu­gen nach­ge­baut wer­den. Die Koef­fi­zi­en­ten einer Regres­si­on („die For­mel”) las­sen sich extra­hie­ren und „nach­pro­gram­mie­ren”.
  • Mit dem PMML-Export kön­nen Model­le in einem Indus­trie-Stan­dard-Dia­lekt aus­ge­ge­ben und von ande­ren Werk­zeu­gen ein­ge­le­sen und ange­wen­det wer­den.
  • Export als Code in ver­schie­de­nen Pro­gram­mier­spra­chen wie Java, C#, Visu­al Basic erlaubt die direk­te Ein­bet­tung in ande­ren Pro­gram­men.
  • Pro­gno­sen kön­nen batch-ori­en­tiert nach fes­tem Zeit­plan errech­net und in Daten­ban­ken geschrie­ben wer­den.
  • Model­le bzw. Pro­gno­sen kön­nen per API via Web-Inter­face ad hoc ver­füg­bar gemacht wer­den.
  • Modell­pro­gno­sen (und Details zum Pro­duk­ti­ons­pro­zess) kön­nen in einer Dash­boar­ding- bzw. Visu­al-Data-Science-Umge­bung (wie Spot­fi­re) dyna­misch erstellt und ver­füg­bar gemacht wer­den.

Fazit

Wie in den meis­ten ana­ly­ti­schen Pro­jek­ten beschrän­ken sich die Ergeb­nis­se nicht auf ein­zel­ne Aspek­te, son­dern brin­gen Fort­schrit­te in meh­re­ren Berei­chen:

  1. Ein auto­ma­ti­scher Daten­auf­be­rei­tungs­pro­zess, der fle­xi­bel genug ist, bei höhe­rer Daten­ver­füg­bar­keit erneut ange­wen­det zu wer­den. Die auf­be­rei­te­ten Daten kön­nen auch in ande­ren Pro­jek­ten nütz­lich wer­den.
  2. Iden­ti­fi­ka­ti­on neu­er rele­van­ter Ein­fluss­grö­ßen auf die gesuch­te Ziel­grö­ße ermög­licht eine bes­se­re Pro­zess­über­wa­chung und ein gestie­ge­nes Ver­ständ­nis für den Pro­zess.
  3. Ver­gleich meh­re­rer Modell­ty­pen zur Aus­wahl eines robus­ten und zuver­läs­si­gen Pro­gno­se­mo­dells.
  4. Der Simu­la­tor ermög­licht den Fach­per­so­nen viel­fa­chen Erkennt­nis­ge­winn und bie­tet die Mög­lich­keit, in gewis­sem Rah­men beden­ken­los Expe­ri­men­te durch­zu­füh­ren.
  5. Aus­blick: Ein­bet­tung des Modells in einen auto­ma­ti­schen Pro­zess zur Pro­duk­ti­ons­steue­rung kann Pro­dukt­qua­li­tät erhö­hen und/oder Kos­ten sen­ken.

Falls Sie Inter­es­se an einem ana­ly­ti­schen Pro­jekt haben, Unter­stüt­zung bei der Aus­wer­tung Ihrer Daten im Bereich Halb­lei­ter brau­chen oder auf der Suche nach einer Data-Science-Umge­bung sind, in der Ihr Team neue Erkennt­nis­se gewin­nen kann, spre­chen Sie uns ger­ne an!

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